Interview: «KONSTANZ UND NACHHALTIGKEIT SIND IM LEBEN UND BESONDERS IN DER POLITIK WICHTIG»

Cyrill Wiget ist die Nähe zur Bevölkerung ebenso wichtig wie eine vorausschauende Politik. Der frisch gewählte Krienser Gemeindepräsident plädiert für Konstanz, trägt aber gleichzeitig eine Vision für die Gemeinde in sich, wie er im Interview mit Gian Waldvogel verrät.

Du bist nun über 100 Tage Gemeindepräsident. Was hat dich überrascht, was hast du nicht erwartet?

Mich hat überrascht, dass mir die BürgerInnen anders begegnen. Die Menschen kommen nun viel öfters auf mich zu und vertrauen mir ihre Anliegen und Sorgen an. Ich spüre, dass sich viele KrienserInnen eine Integrationsfigur wünschen. Diese Rolle nehme ich gerne wahr. Das Vertrauen der Bevölkerung mir gegenüber empfinde ich als grosse Wertschätzung für meine bisherige Arbeit

Das Gemeindepräsidium bringt es auch mit sich, dass du die Gemeinde Kriens nach aussen repräsentierst. Gefällt dir diese Aufgabe?

Als langjähriger Gemeinderat bin ich natürlich seit jeher an vielen Anlässen präsent und vertrete die Gemeinde Kriens. Das habe ich immer schon gerne gemacht. Als Gemein-
depräsident hat sich ausserdem auch zeine Rolle geklärt, die repräsentativen Auftritte gestalten sich deshalb noch etwas einfacher und entspannter.

Gleichzeitig versuche ich nun noch stärker, alle Anliegen und Interessen zu berücksichtigen. Schliesslich vertrete ich nicht nur die Grüne Wählerschaft, sondern alle Menschen in Kriens. Aber das heisst nicht, dass ich meine politischen Überzeugungen an der Garderobe abgebe: Als «Aussenminister» von Kriens vertrete ich die Gemeinde in diversen interkommunalen Gremien. Hier werde ich mich mit Vehemenz für die Umwelt und eine nachhaltige Politik einsetzen.

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Ich vertrete alle Menschen in Kriens!

Droht man nach all den Jahren in der Politik nicht betriebsblind zu werden?

Ich bin ein typischer Läufer für lange Distanzen – ich war auch im Sport nie gut auf 100 Meter. Meine Erfahrung zeigt, dass man erst nach einer gewissen Zeit wirklich Erfolg hat. Auch als Unternehmer denke ich in langfristigen Perspektiven – beispielsweise war das Café Ambrosia nach drei Monaten noch kein Erfolg. Dafür brauchte es Zeit und Geduld, aber heute ist es ein gut funktionierender ökologischer Gastronomiebetrieb und beliebter Treffpunkt in Kriens.
Konstanz und Nachhaltigkeit sind im Leben und ganz besonders in der Politik wichtig: Man muss stetig an seinem Profil arbeiten. Als ich mit jungen Jahren in Einwohnerrat kam, wurde das erste Mal vom neuen Krienser Zentrum gesprochen. Nach 17 Jahren ist nun endlich Baubeginn. Bei so einem langen Prozess lernt man sehr viele Facetten eines solchen Grossprojekts kennen. Das vertiefte Wissen über ein so grosses Projekt hilft dem ganzen Gemeinderat im Rahmen der Umsetzung. Es ist wichtig, die Geschichte zu kennen, um die Zukunft entwickeln zu können.

1988 hast du den Velociped eröffnet – du bewegst Kriens wortwörtlich seit Jahrzehnten. Ist es das gleiche Kriens wie vor 26 Jahren?

Nein, Kriens hat sich ganz massiv verändert. Grüne Politiker waren damals ein Schreckensszenario (schmunzelt). Die Grünen haben ihren festen Platz hier und sind gut positioniert. Auch weil wir Grünen in Kriens eher pragmatisch politisieren und mit Wirtschaft und Gewerbe gut zusammenarbeiten.

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Meine Erfahrung zeigt, dass man erst nach einer gewissen Zeit wirklich Erfolg hat.

Die vielleicht umstrittenste Entscheidung in deiner bisherigen politischen Laufbahn war dein Engagement gegen die Fusion mit Luzern. Da hattest du eine komplett andere Position als die Ortsgruppe. Wie war das für dich?

Ich möchte an dieser Stelle den Grünen Kriens für ihre Toleranz danken. Obwohl meine Partei eine völlig andere Haltung hatte, wurde ich nicht geächtet. Das ist auch der politischen Kultur und Tradition der Partei zu verdanken. Ich bin weiterhin überzeugt, dass Kooperation mehr bringt als Fusion. Die Gemeinde hat eine Grösse, die es ermöglicht, dass man sich noch kennt und Reaktionen auf Entscheide direkt aus der Bevölkerung erhalten kann. In meinem Leben hat mich das Basisdemokratische immer begleitet. Das lebe ich auch in meinem Unter- nehmen vor– dann kann ich nicht gleichzeitig das Gegenteil in der Politik propagieren.

Und, zahlt sich die Eigenständigkeit nun aus?

Der Bypass ist ein gutes Beispiel dafür, weshalb die Krienser Eigenständigkeit auch gegen aussen entscheidend ist. Stellen wir uns vor, wir wären ein Stadtquartier: Wir hätten kaum etwas zu diesem Mammutprojekt zu sagen. Als Gemeinde hat Kriens weit mehr Einfluss auf die grossen Fragen im Kanton. Auch die Mitgliedschaft in interkommunalen Gremien ist ein Vorteil. Lange herrschte die Meinung vor, dass diese Zweckverbände nur kosten und nichts bringen würden. Hier kann ich als Vertreter einer Gemeinde schon kommunale Anliegen einbringen. Zugegebenermassen gibt es aber auch klare Nachteile. Beispielsweise sind zahlreiche Verwaltungsabteilungen in einer kritischen Grösse und oft zu klein, um den heutigen Anforderungen noch zu genügen. Hier werden wir nach Lösungen suchen müssen.

Verkehr, Finanzen, Bauboom: In Kriens gibt es viele Baustellen. Was sind die drängendsten Herausforderungen, die Kriens anpacken muss?

Tatsächlich gibt es in Kriens kaum Herausforderungen, die nicht dringend anzupacken sind. Sehr problematisch ist die derzeitige Verkehrssituation: Diese macht die Gemeinde unattraktiv, auch für das Gewerbe. Wir haben viele Defizite und die müssen wir Schritt für Schritt angehen.

Du hast Theologie studiert. Was für einen Einfluss hat dein Bildungshintergrund auf dein berufliches und politisches Engagement?

Durch mein Studium habe ich mir ein ethisches und philosophisches Fundament geschaffen, worauf mein Engagement beruht. Diese Grundüberzeugung ist in der Politik sehr wertvoll: Bevor man überhaupt etwas verändern will, braucht man eine Vorstellung, eine Vision. Wer heute einer Gemeinde vorstehen darf, der sollte wissen, wohin er will.

Was ist deine Vision für Kriens?

Zehn Minuten von hier entfernt wurde ein Wolf gesichtet, Kriens ist zu 50% bewaldet. Gleichzeitig entwickelt sich auch das Zentrum weiter und verschiedene Krienser Kulturinstitutionen machen ein attraktives Programm. Wo in der Schweiz liegen Urbanität und Natur derart nahe nebeneinander? Hier liegt ein enormes Potenzial, diese bestehende Dualität zu stärken. Indem wir einerseits die Naturräume schützen und stärken und andererseits ein lebendiges und attraktives Zentrum für Menschen schaffen.

Das Interview wurde von Gian Waldvogel geführt und aufgezeichnet. Es ist im Januar 2016 im Grünen Kleeblatt erschienen.

geschrieben von komitee | Allgemein | 18.02.2016 17:00

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